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19. Törnbericht (1. Teil – Rio de Janeiro) Dezember 2003
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Ankunft in Rio – Teufelskreis von Armut, Arbeitslosigkeit und Kriminalität – Rio de Janeiro, cidade maravilhosa – Zuckerhut und Corcovado – Kreditkarten-Fälschung – gastronomischer Abriss – Disco fever – Ilha Grande, das brasilianische Seglerparadies – Paratí, koloniales Juwel – Bericht von Crewmitglied Heiko Geisler – Dr. Alberto Stoeckicht, ein Mann mit Einfluss – Petropolis, die Kaiserstadt – Kamingespräche – Strassensperrung für Gangster – Korruption in Amtsstuben – bestechliche Schweizer Kadermitarbeiter – mit Geduld zum Milliardär
 

Ankunft in Rio

Gestern bin ich mit Begleiter Heiko Geisler, Software-Ingenieur aus Potsdam und in der ehemaligen Ostzone aufgewachsen, in Rio eingetroffen. In der Marina Gloria, nahe beim Stadtzentrum, liegen die Kulisse von Rio mit Zuckerhut (Pao de Azúgar) und Christusberg (Corcovado) nebst Wolkenkratzern, Kirchen und Regierungsgebäuden vor einem tiefblauen Himmel direkt vor uns.
 
105618/19Vor_Anker.jpg   Vor Anker
 
Der erste Tag in einem Hafen nach einer längeren Überfahrt ist meistens ausgefüllt mit dem Organisieren von Reparaturarbeiten, Behördengängen, Infos bei andern Seglern einholen, Boot aufräumen, Deck waschen und vielen anderen Dingen.
So ist es auch dieses Mal. Nach einem arbeitsreichen Tag besuchen wir gegen Abend den weltbekannten Traumstrand von Rio, die Copacabana. Eigentlich wollen wir zu Fuss gehen, aber die Wächter am Eingang der Marine raten uns dringend davon ab. Im grossen Park, der direkt an die Marina Gloria angrenzt, und den wir auf dem Weg zur Copacabana durchqueren müssen, sei es nachts viel zu unsicher, wir sollten lieber ein Taxi nehmen.

Teufelskreis von Armut, Arbeitslosigkeit und Kriminalität

Hier begegnet sie uns also wieder, die enorm hohe Kriminalität in Brasilien als Folge der extremen Gegensätze zwischen arm und reich.
Wenn ein Kind von seinen Eltern auf die Strasse geschickt wird, um mit dem Verkauf von Zeitungen und Kleinartikeln, Tragen von Einkaufstüten, Schuhe putzen, etc. einen Beitrag zum wirtschaftlichen Überleben der Familie zu leisten, hat es keine Möglichkeit, eine Schule zu besuchen.
Ohne Schulbildung jedoch wird das Kind später als junger Erwachsener keine qualifizierte Arbeit finden, sondern sich mit Gelegenheitsarbeiten durchs Leben schlagen müssen. Viele dieser jungen Menschen enden als Sozialfälle und betätigen sich wegen der fehlenden sozialen Absicherung als Kleinkriminelle, vor allem mit bandenmässigem Diebstahl und dem Verkauf von Drogen.
Einige machen Karriere im Drogenmilieu und werden zu Dealern und Capos bewaffneter Banden, die Morde auf Bestellung ausführen, Kadermitarbeiter von Firmen entführen und Lösegelder erpressen, usw. Ein Mord auf Bestellung kostet in Rio und Sâo Paulo etwa 1000 Reais, das sind 500 Schweizer Franken. Zudem kann gewünscht werden, wie das Opfer stirbt, z.b. als Folge eines Verkehrsunfalls, durch Vergiftung, mit Schusswaffe, Garotte (Halsschlinge), ertränken, ersticken usw.
Allein in Rio und Sao Paulo werden jedes Jahr mehrere tausend Menschen umgebracht. Die genaue Zahl weiss nicht einmal die Polizei, da sie mangels Personal und Bewaffnung keine Kontrolle mehr über die Drogenviertel ausübt, die identisch mit den Armenvierteln der Stadt, den sogenannten Favelas oder Barrios sind. Allein in Rio gibt es 600 Armenviertel, die vom Staat völlig losgelöst ein Eigenleben führen.
 
105622/19Favela.jpg   Favela
 
Ein Deutscher, der seit 30 Jahren in Rio lebte, sagte mir eines Abends: "Vereinfacht gesagt ist es so, dass die eine Hälfte der Brasilianer versucht, sich vor der Kriminalität der andern Hälfte zu schützen".
Weitere Infos zu den Ursachen der enorm grossen Gegensätze zwischen arm und reich und eine Zusammenstellung über die Probleme und Chancen der brasilianischen Wirtschaft finden Sie im zweiten Teil dieses Berichts, den Sie als separates Dokument öffnen können.

Rio de Janeiro – cidade maravilhosa

Ehrfurcht und Stolz schwingt mit, wenn Brasilianer von Rio de Janeiro sprechen: Ihre Metropole nennen sie liebevoll "cidade maravilhosa" – die wundervolle Stadt. Das Charakteristische an dieser Stadt sind zahlreiche Meeresbuchten, Hügel, Berge und Seen. Sie gilt als die landschaftlich schönste Stadt der Welt.
Rund sieben Millionen Cariocas, so nennen sich die Einwohner von Rio, haben sich hier niedergelassen. Trotz den enormen Problemen dieser Stadt – Armut, Gewalt, Drogenmissbrauch, Favelas (Armenviertel), Korruption im öffentlichen Dienst, Luft- und Wasserverschmutzung – gehen die Cariocas den Vergnügungen dieser Stadt nach wie nirgendwo sonst.
Das sind die Strände, Körperkult, Samba, Fussball, Bier und Casacha, der Zuckerrohrschnaps. Die Sinnlichkeit des Karnevals von Rio ist der bekannteste Ausdruck dieser hedonistischen und dionysischen Lebensart.

Ein wenig Geschichte

Der portugiesische Entdecker Gaspar de Lemos ankerte im Januar 1502, nur 10 Jahre nach der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus, in einer riesigen Bucht. Irrtümlich hielt er diese Bucht für eine Flussmündung und nannte sie Rio de Janeiro, d.h. Januar-Fluss. Zuerst kamen die Franzosen, bis sie 1560 von den Portugiesen mit Artillerieunterstützung gebeten wurden, das Feld zu räumen.
Dank den Zuckerrohrplantagen, die von afrikanischen Sklaven bewirtschaftet wurden, entwickelte sich Rio rasch zu einer wichtigen Stadt. Im 18. Jh. wurde in der Provinz Minas Gerais Gold gefunden, das in den Exporthafen Rio gebracht wurde. Ein enormer Boom setzte ein. 1763 mit damals 50.000 Einwohnern ersetzte Rio das im Norden gelegene San Salvador als koloniale Hauptstadt.
Im Jahr 1900, nach einem Kaffeeboom, mehreren Einwanderungswellen aus Europa und Zuwanderung vieler Exsklaven von den umgebenden Provinzen in die Stadt zählte Rio 800.000 Einwohner.
Die Jahre von 1920 bis 1950 waren Rios goldenes Zeitalter. Es wurde nebst Miami und Havanna zu einem romantischen, exotischen Spielplatz der internationalen High Society. Brasilia löste 1960 Rio als Landeshauptstadt ab, aber Rio blieb die kulturelle und touristische Metropole.

Zuckerhut und Corcovado – Rio von oben

An einem Tag mit guter Sicht fahren wir mit der Seilbahn auf den 396 Meter hohen Zuckerhut, ein Granitmonolith und neben dem Corcovado mit der Christusstatue eines der beiden Wahrzeichen von Rio. In zwei Etappen geht es auf den Pao de Azúgar, wie der Berg von den Einheimischen genannt wird.
Die Aussicht auf Rio und seine zahlreichen Meeresbuchten, Hügel und Berge ist überwältigend, die vielleicht schönste Aussicht der Welt auf eine Grosstadt. San Francisco und Sydney sind zwar auch Traumstädte, ihnen fehlt aber der Aussichtsberg.
Während eines 10-minütigen Helikopterflugs erleben wir Rio aus der Vogelperspektive, einfach atemberaubend! Bei einem Caipirinha geniessen wir den spektakulären Sonnenuntergang.
 
105594/19Lagoa.jpg   Lagoa
 
Einige Tage später fahren wir gegen Abend mit einem Taxi auf den 710 Meter hohen Corcovado mit der 31 Meter hohen Statue von Christus, dem Erlöser, die weltweit mit Abstand grössten Christusstatue.
Wie sie dahin gekommen ist, das Gewicht dürfte 100 bis 200 Tonnen betragen, ist mir allerdings ein Rätsel. Um Rio bei Nacht zu fotografieren, warten wir bis zum Einnachten. Bald sind wir rundum von einem fantastischen Lichtermeer in allen Farben umgeben.
 
105598/19Rio_bei_Nacht.jpg   Rio bei Nacht
 
Gegen 20 Uhr gehen wir zum Taxistandplatz zurück, um wieder in die Stadt zu fahren. Ein einziges Taxi ist noch da, mir schwant Unheil. Und tatsächlich: Der Fahrer will 100 Reais, rund 50 Franken für die 10minütige Fahrt in die Stadt. Das sind fünfmal mehr, als wir für die Hinfahrt bezahlt haben.
Alles Verhandeln nützt nichts, der Taxifahrer bleibt stur. Ich ebenfalls, denn ich bin nicht bereit, den geforderten Wucherpreis zu bezahlen.
Ich schlage Heiko vor, die Bergstrasse selbst unter die Füsse zu nehmen. Aber da erinnert mich Heiko daran, dass bei einem ebensolchen Unterfangen vor 10 Tagen zwei deutsche Touristen auf dem Abstieg vom Corcovado in die Stadt überfallen, ausgeraubt und getötet wurden. Mir vergeht die Lust auf die geplante, vermutlich etwa einstündige Nachtwanderung.
Da fällt mein Blick auf einen kleinen Transporter mit offener Brücke und zwei Mann, die sich hinsetzten. Der Fahrer startet den Motor und will abfahren. Ich laufe zu ihm hin und frage, ob er uns für 20 Reais bis zum Fuss des Corcovado zur nächsten Taxistation mitnehmen könne. Er ist einverstanden und wir setzen uns zu den beiden Brasilianern auf der Brücke. Beim Taxistand macht der Fahrer nicht etwa Halt, sondern bringt uns zu einem wenige Minuten entfernten Busbahnhof.
Er erklärt uns auch, welche Buslinie wir zur Cocacabana nehmen müssen, wo wir zum Nachtessen hinwollen. Von den 20 Reais, die ich ihm durchs halboffene Fahrerfenster herüberreiche, will er nichts wissen, trotz meinem Insistieren. Also Nulltarif statt 100 Reais! Wir bedanken uns herzlich beim Fahrer für seine Hilfsbereitschaft und Grosszügigkeit.

Kreditkarten-Fälschung

Bei American Express im Cocabana Palace Hotel hole ich meine neue Visa-Karte ab. Das kam so: Auf der Fahrt von San Salvador nach Rio erhielt ich eines morgens um 4 Uhr einen Anruf von der Cornèr Bank in Lugano, die meine Visa-Karte ausgestellt hatte. Eine freundliche Stimme, sie gehörte Frau Pierazzoli, fragte mich, ob ich am 27. und 28. in Salvador de Bahia 27 Einkäufe getätigt habe im Gesamtwert von ca. 14.000 Reais, rund 7.000 Franken.
Ihrem Computer sei dies aufgefallen und er habe die rote Flagge gezeigt. Trotzdem ich zu dieser unchristlichen Tageszeit wohl noch nicht ganz zurechnungsfähig war und noch meinen letzten Traum verdauen musste, konnte ich dies mit gutem Gewissen verneinen, denn wir waren schon um den 20. August herum aus Salvador Richtung Süden ausgelaufen.
Frau Pierazzoli informierte mich, dass es sich in diesem Fall mit grösster Wahrscheinlichkeit um eine Kredit-Karten-Fälschung handle, in Brasilien offenbar schon fast ein Volkssport. Man werde mir umgehend per Kurier-Service eine neue Karte an eine durch mich zu bestimmende Adresse zustellen. Das geschah dann auch auf den Tag genau.
Nachdem ich schon immer ein Fan von Visa war – sie wurde mir ursprünglich von meinem damaligen Kunden Peter Brem, Chef der Visa-Abteilung bei der Cornèr Bank empfohlen – und man seit einigen Monaten mit jedem Kauf mittels Visa-Karte auch Flugmeilen für die Lufthansa und die mit ihr assoziierten Gesellschaften erwerben kann, werde ich nach der unbürokratischen und für mich ohne Kostenfolgen erledigten Kreditkarten-Fälschung wohl lebenslänglich mit Visa bezahlen und im Ausland Barvorschüsse bei Bancomaten beziehen. Für Fahrtensegler eine geniale Möglichkeit, ohne grosse Cashbestände jahrelang unterwegs zu sein.

Gastronomischer Abriss

Wir schlendern die Cocacabana entlang und vermeiden es dabei tunlichst, den vielen lokalen Schönheiten allzu tief in die Augen zu schauen. Und machen schliesslich am Ende der Cocacabana, wo die Strasse ansteigt und in die Berge hineinführt, an einem Imbisstand mit wenigen Tischen und Stühlen und schöner Aussicht auf die Cocacabana und das Meer halt. Wir bestellen einen Teller Crevetten sowie zwei Caipiroskas, eine Speisekarte gibt es nicht.
Nachdem wir die sehr mässigen Crevetten mit Mühe gegessen haben, verlangen wir die Rechnung. Wir kriegen fast einen doppelten Herzinfarkt. 100 Reais, rund 35 US Dollar, soll der Schlangenfrass kosten. Soviel haben wir noch nie für ein feines Nachtessen inklusive eine gute Flasche Rotwein zu zweit in einem Restaurant der gehobenen Klasse ausgegeben.
Ich lasse den Inhaber der Abrissbude kommen, drücke ihm 30 Reais mit der Bemerkung in die Hand, dass ich seine Rechnung als unseriös betrachte und verlasse mit Heiko die Abrissbude. Der Inhaber nimmt das Geld und verschwindet wortlos. Wie viele ahnungslose Touristen hat er am heutigen Tag wohl schon über den Tisch gezogen? Da macht es nichts aus, wenn ihm mal einer auf die Schliche kommt.

Disco fever

Anschliessend verholen wir ins Open-Air Restaurant der in ganz Brasilien bekannten Discoteca Help, direkt an der Cocacabana gelegen. Gleich gegenüber befindet sich der Eingang zur Diskothek. Es entgeht einem also nichts.
Weder die gutaussehenden brasilianischen Männer, die bleichen oder sonnenbrandgeschädigten Touristen noch die vielen weissen und schwarzen Schönheiten, die ab 23 Uhr 30 in die Diskothek strömen. Zwischen 23 Uhr 45 und 24 Uhr bildet sich jeweils eine lange Warteschlange, weil der Eintritt vor Mitternacht halb so viel kostet wie nachher.
Im Restaurant hat es jede Menge Mädchen, schöne und hässliche, grosse und kleine, schlanke und beleibte, schwarze und weisse, käufliche und andere, die meisten ohne Arbeit. Die käuflichen halten sich und ihre Kinder mit Männerbekanntschaften über Wasser, Studentinnen der Medizin, Volkswirtschaft oder Jurisprudenz finanzieren auf diese Weise ihr Studium. Und sie wollen alle dasselbe.
Einen Begleiter, der ihnen den Eingang ins Help bezahlt und ihnen dort einige Getränke spendiert. Die Professionellen wollen natürlich noch etwas anderes, nämlich für eine oder zwei Stunden oder eine ganze Nacht mehr oder weniger professionellen Service bezahlt zu werden.
 
105602/19Disco.jpg   Discoteca Help
 
Kurz vor Mitternacht betreten wir das Help. Mehrere hundert junge Leute und einige ältere tummeln sich hier und sehen sich nach einem Partner um. Die einheimischen Mädchen sind alle sorgfältig herausgeputzt, in schönen Kleidern, raffiniert geschminkt und immer mit hohen Stöckelschuhen.
Die körperlichen Vorteile sollen möglichst optimal präsentiert werden, um die Chancen zu erhöhen, sich einen Partner für die Nacht zu angeln. Denn die Konkurrenz ist gewaltig. Schätzungsweise 400 Mädchen stehen nicht mehr als 150 Männer gegenüber. Besonders als Europäer wird man ständig angequatscht. Die Mädchen sind ziemlich aggressiv und kommen schnell zur Sache.
Sie sind oft zu zweit und versuchen, sich gemeinsam an den (einen) Mann zu bringen, eine Spielart, die wohl für viele Touristen neu sein dürfte. Aber der Lärm oder das, was einige Musik nennen, ist so gross, dass eine sinnvolle Unterhaltung kaum möglich ist. Zudem fühle ich mich mit meinen 57 Jahren innerhalb dieses Backfischaquariums ziemlich fehl am Platz, auch wenn ich nicht der einzige ältere Herr bin.

Ilha Grande – das brasilianische Seglerparadies

Die Ilha Grande etwa 60 Meilen südwestlich von Rio gilt als das schönste Segelrevier Brasiliens. In der Bahia da Ilha Grande, einer Bucht von ca. 120 Kilometern Durchmesser und einer Nord-Südausdehnung von ca. 60 Kilometern, gibt es 365 tropische Inseln und unzählige romantische Buchten.
In diesem Gebiet, geschützt von den Wellen und Winden des Südatlantiks, könnte man ohne weiteres zwei oder drei Wochen segeln und doch jeden Abend einen neuen Ankerplatz erkunden. Das tun denn auch viele brasilianische Segler in der Saison von November bis Ende Januar. An den Ufern der Bahia de Ilha Grande liegen einige Dörfer und Städte mit so klangvollen Namen wie Paratí, Mambucaba, Angra dos Reis, Mangarataiba, Itacurucá, Spetiba und Santa Cruz.
Unser erstes Ziel nach der Überfahrt von Rio ist die Hauptinsel Ilha Grande. Gegen Abend ankern wir in der Enseada do Abrao. Den romantischen Ankerplatz teilen wir mit einigen andern Segelbooten und lokalen Fischerbooten. Am Strand betreibt ein junges Paar eine kleine Strandbar. Bei einem Caipiroska geniessen wir den Sonnenuntergang hinter den hohen Bergen, die uns umgeben.
Das Dörfchen Vila do Abrao, das wir dem Strand entlang zu Fuss erreichen, zeigt bereits deutliche Anzeichen touristischer Infrastruktur, d.h. Souvenirläden, Boutiquen, chice Restaurants mit Live-Musik, ein Touristenbüro, Anbieter von Bootsausflügen etc.
Kein Wunder, denn wohlbetuchte Einwohner Rios kommen an den Wochenenden mit ihren grossen Motorbooten hierher, um ein paar unbeschwerte Stunden in wunderschöner Landschaft zu geniessen.
 
105628/19Ankerplatz.jpg   Ankerplatz Abroa
 

Paratí – lebendige Vergangenheit

Wir verbringen die nächsten Tage in diesem Seglerparadies und laufen zum Schluss Paratí an, das alte Kolonialstädtchen am westlichen Ende der Bahia de Ilha Grande. Paratí wurde 1660 gegründet und im Kolonialstil erbaut.
Es gilt als Juwel aus der Kolonialzeit, weshalb es 1966 von der UNESCO unter Denkmalschutz gestellt wurde.
In den gepflasterten Gassen des Städtchens endete früher der Caminho do ouro, die Goldstrasse. Die Bandeirantes hatten den Weg vom Landesinnern über das Küstengebirge zum Meer gebaut. Paratí erlangte im 18. Jh. durch die Entdeckung von Gold und Diamanten im Nachbarstaat Minas Gerais Bedeutung.
Die wertvolle Fracht wurde mit Maultierkarawanen nach Paratí gebracht und von dort nach Portugal verschifft. Über 100 Jahre lang ging es Paratí prächtig. Prachtvolle Villen und Landgüter zeugen vom damaligen Reichtum ihrer Bewohner.
Nach der Unabhängigkeitserklärung Brasiliens von 1822 kam der Goldexport nach Portugal zum Erliegen, und man baute eine neue Strasse an Paratí vorbei, die Rio direkt mit Sao Paulo verband. Paratí geriet in Vergessenheit, aber dank dieses Dornröschenschlafs blieb sein koloniales Stadtbild vollständig erhalten.
Jede Strasse in Paratí birgt eine Überraschung: Kunstgalerien, Kunsthandwerksläden, hübsche Pousadas und Bürgerhäuser im Kolonialstil. Manche Innenhöfe der weiss getünchten Häuser besitzen hübsche Gärten mit Farnen, Orchideen, Rosensträuchern, Veilchen und Begonien.
 
105632/19Parati.jpg   Parati
 
Von Paratí segeln wir bei optimalsten Wind- und Wetterbedingungen nach Rio zurück, wo sich Heiko Geisler nach fünf Wochen auf der Double Magic verabschiedet. Seine kürzlich angetraute Gattin Maja wird ihn wohl sehnlichst erwarten.
Bevor Heiko die Double Magic verlässt, verfasst er einen Bericht über seine Erlebnisse und Erfahrungen auf der Double Magic, den Sie im folgenden lesen können:

Heiko’s Bericht

105636/19Heiko.jpg   Heiko
 
Nach einer Odyssee über die Flughäfen Europas bin ich endlich um 23 Uhr in Salvador de Bahia im Nordosten Brasiliens angekommen. Der Tag war lang, trotzdem entschliessen Thomas und ich uns nach einem kurzem Drink zum Kennenlernen, noch in die Altstadt zu gehen, die von der Marina gesehen unscheinbar erscheint.
Was dann geschieht, ist sicher mit dem Begriff Kulturschock zu beschreiben. Die zurückhaltende Abendunterhaltung in Europa gewöhnt, bekomme ich die ungebremste Vitalität Brasiliens gleich in voller Breitseite präsentiert. Auf dem Markt tobt noch der Verkaufstrubel, scharenweise sind Menschen unterwegs und der Geräuschpegel im Strassencafe ist beachtlich, Kommunikation pur halt.
Geduldig nehme ich all die ungewohnten Eindrücke auf, die nur das Ende dieses Tages markieren, aber auch den Anfang einer unaufhörlichen Kette von Reizen aller Art in den nächsten fünf Wochen.
Dass ich an Bord der "Double Magic" entlang Brasiliens Küste segle, ist für mich Erfüllung eines Lebenstraums und ungestillter Abenteuerlust zugleich. Die Chance zu diesem Trip habe ich sofort und ohne Zögern ergriffen – no risk, no fun!
Das Leben an Bord der "Double Magic" stellt sich in den nächsten Tagen als durchaus komfortabel und bisweilen sogar luxuriös heraus.
Der Ausstattungsgrad des Schiffes entspricht mindestens dem einer gehobenen Eigentumswohnung – nur dass es sich bewegt. An elektronischen Spielereien und Helferlein fehlt es nicht und was die unergründlichen Stauräume noch so alles verbergen mögen, habe ich in all den Wochen nicht vollständig ergründen können.
Die Kehrseite der Medaille ist natürlich, dass bei viel Ausstattung auch vieles kaputtgehen kann. Der Traum vom allzeit funktionierenden Hightech-Schiff, auf dem man dem Müssiggang frönt, ist definitiv nur ein Traum. Und so prägte Thomas den treffenden Ausspruch, dass man sein Schiff unaufhörlich, aber wenigstens an den schönsten Plätzen der Welt repariert.
In den folgenden Wochen werden wir immer neue Kapriolen der "hochseetauglichen" Ausrüstungen des 21. Jahrhunderts erleben, zum Glück keine gravierenden. Ein gutes Training, um ein bisschen mehr Gleichmut und Geduld zu entwickeln.
Letztendlich sind die Entdecker und Konquistadoren Südamerikas auch ohne Tiefenmesser, GPS, Wetterfax und Kühlschrank bis hierhin und noch viel weiter gelangt. Etwas handwerkliches Geschick und ein gewisser finanzieller Background für Notfälle sind allerdings auch heute ein Muss.
Es gibt immer etwas zu tun, die elektronischen Geräte sind ein Quell unerschöpflicher Fehlermeldungen und Konfigurationsmöglichkeiten. Mir als Informatiker liegt das Studium kryptischer Bedienungsanleitungen naturgemäss mehr als "hardwareorientierten" Seglern. So tut halt jeder, was seinen Interessen und Fähigkeiten entspricht. Die Arbeitsteilung an Bord ergibt sich von selbst, es gibt keinen festen Aufgabenbereich. Aufgaben gibt es genug und für jeden, es sei denn er sei praktizierender Theoretiker. Dann bleibt immer noch die Küche...
Thomas erweist sich als bestimmter, aber auch geduldiger Skipper. Man merkt ihm an, dass er schon länger das Privileg des Langzeitseglerdaseins geniesst. Bei mir dauert es allerdings, bis ich die Funktion der zahlreichen Leinen, Spinlocks und Winschen intus habe. So geraten die ersten Manöver noch recht eckig.
Grössere Fehltritte wie malerische Kratzer an Boot oder Stegen, mehrmalige Anläufe zum Anlegen und aufzufischende Crewmitglieder bleiben uns jedoch erspart. Und Schritt für Schritt lerne auch ich mit dem Schiff umzugehen und gewinne mehr Sicherheit, auch ein Ziel meines Törns.
Nach ein paar Tagen in der Bucht von Salvador de Bahia machen wir uns auf den Weg nach Süden, Rio de Janeiro entgegen. Immer wieder wird mir bewusst, dass wir uns auf der Route der Entdecker bewegen. Wir sehen die gleichen Orte wie vor uns schon Amerigo Vespucci, Francisco Cabral, Fernando de Magelhaes, Sir Francis Drake, Charles Darwin an Bord der "Beagle" und viele andere.
Und genauso wie sie bin ich fasziniert von diesem Land und seinen Bewohnern. Die tropischen kilometerlangen Traumstrände, an denen wir täglich vorbeisegeln und die farbenfrohe und geschäftige Welt der Grossstädte können nicht darüber hinwegtäuschen, dass in sozialer Hinsicht eine schreiende Ungerechtigkeit herrscht und dass der grösste Teil der Bevölkerung keinen Zugang zu höherer Bildung und den Segnungen der modernen Zivilisation hat.
Dennoch ist eine intensive Freude am Leben und eine jederzeit optimistische Stimmung zu spüren. Es zählt nur das Jetzt und Heute - wer weiss, was morgen ist?
Für unsere Begriffe läuft alles ziemlich unorganisiert ab, was im Umgang mit Behörden und Hafenpersonal stets viel Geduld und Ausdauer erfordert. Aber eine Lösung findet sich letztendlich immer, und das allein zählt. Ausserdem sehe ich in den ganzen fünf Wochen auch keine der aus Europa gewohnten mürrischen Gesichter bei Banken und Behörden, was ich als sehr wohltuend empfinde.
Wir segeln südwärts vorbei an paradiesischen und einsamen Stränden, über Morro de Sao Paulo, durch ein Flussdelta über Cairú und Boipeba wieder auf den Atlantik hinaus und dann gegen den unangenehmen Südostwind über Ilheus, Porto Seguro, Vittoria und Buzios nach Rio. Jeder dieser Orte beschert uns neue Bekanntschaften und Erlebnisse.
Als Europäer ist man irgendwie immer der Exot und kein Brasilianer wird müde zu erklären, er sei mindestens schon einmal in Europa gewesen oder kenne wenigstens einen, der einen Freund da hätte und so weiter...
Auch scheint der Wunsch gross zu sein, in Europa zu wohnen, zumindest bei den Frauen. Ein Umstand, der uns manchmal aufgrund eigener Erfahrungen unverständlich erscheint, aber beim Vergleich der Lebensbedingungen durchaus verständlich ist.
Überhaupt, die Frauen: Es ist bemerkenswert, dass im an sich schon sehr jungen Brasilien ein erstaunlicher Frauenüberschuss vorhanden und auch sichtbar ist. Die meisten jungen Frauen haben im Alter von 20 Jahren ein bis drei Kinder, leider aber keinen Mann (mehr). Dies wird aber keineswegs als Schicksalsschlag empfunden, sondern die Kinder sind Erfüllung, nicht Belastung.
Das Klischee der kaffeebraunen sambatanzenden Brasilianerin ist allerdings völlig übertrieben, dazu ist das Land zu vielfältig. Was aber generell ihre Anmut, Unkompliziertheit, Freude am eigenen Körper und Lebensfreude betrifft, so kommt die Wirklichkeit der Vorstellung sehr nahe.
In den Tagen an Bord löst sich die gewohnte Zeitstruktur auf. Stunden, Tage und Wochen fliessen ineinander und ergeben eine lose Abfolge von Tagen, die täglich neu von wunderschönen Sonnenauf- und -untergängen eingerahmt werden. Es ist sehr wohltuend, den gewohnten Kreislauf von Terminen und Pflichten verlassen zu haben.
Ich habe dabei genügend Musse, das Meer in all seinen Erscheinungsformen zu geniessen: Es schillert tagsüber in allen Farben von trübem Grün bis kristallinem Azurblau. Es leuchtet nachts von Feldern phosphoreszierender Mikroorganismen.
Es wirft das Licht des Vollmondes in tausenden Reflexen zurück und bildet die passende Kulisse für den atemberaubenden Anblick des südlichen Sternhimmels, an dem die Sterne in ungeahnter Zahl und Helligkeit funkeln und die Milchstrasse in ihrer ganzen Grösse auf uns wirkt. Es zeigt uns Wale, Delfine und Vögel zum Beobachten und schenkt uns allerlei exklusives Getier zum Verspeisen.
Mitunter lässt es auch einen Sturm auf die "Double Magic" los. Dann hämmern die Wellen unerbittlich und mit infernalischem Lärm von aussen ans Boot und begehren Einlass. Solche Situationen gehören auch zum Segeln, Wind und Wetter schlagen manchmal sehr schnell um. Dennoch versuchen wir bei der Törnplanung, die Etappen dem aktuellen Wettergeschehen anzupassen.
Wir geniessen sogar ein paar unvermutete Lesetage im Hafen, da der Wind mit grosser Stärke aus Süden bläst und wir mit Motor gegen Wind und Wellen laufen müssten. Aber am Pool des Yachtclubs lässt es sich auch aushalten: Life could be worse! Ausserdem ist die Törnplanung kein feststehender Plan. Nach dem Prinzip "Der Weg ist das Ziel" wird täglich neu entschieden, wohin der Weg uns führen soll.
Auch mit dieser entspannten Vorgehensweise gelangen wir schliesslich nach Rio de Janeiro. Die Einfahrt bei Nacht ist schlicht umwerfend, als die Glitzerstadt hinter dem Zuckerhut auftaucht. Die Christusfigur auf dem Corcovado scheint über der Stadt zu schweben und die Siedlungen auf den umgebenden Hügeln verwandeln die ganze riesige Bucht in ein Lichtermeer.
Der Anblick bei Tag ist etwas profaner. Mein Lieblingsschriftsteller Stefan Zweig schrieb 1930 über Rio: "Seine Schönheit lässt sich kaum wiedergeben. Denn hier hat die Natur in einmaliger Laune von Verschwendung von den Elementen der landschaftlichen Schönheit alles in engem Raum zusammengedrückt, was sie sonst sparsam auf ganze Länder verteilt...
Wo immer der Blick in Rio hinwandert, ist er von neuem beglückt." Nun, seitdem ist eine Menge Zeit vergangen und auch der Mensch hat in einmaliger Laune von Ressourcenverschwendung alles zusammengedrängt, was sonst auf grösserem Raum Platz findet: Häuser, Häuser, Häuser, ein einziges steinernes Meer.
Die vielgerühmten Strände von Copacabana und Ipanema sind zugebaut mit Hotelfronten, gleich hinterm Strand und noch vor den Hotels tost der Verkehr der sechsspurigen Avenida Atlantica.
Es tost auch das Leben in dieser Stadt, auf Märkten und in den Strassen, abends in den Strandbars und Diskotheken, und es macht Spass dabei zu sein. So ist Rio auch ein würdiger Höhepunkt und Abschluss dieser Reise. Und den Anblick der Stadt in der Dämmerung von ebenjener Christusfigur aus werde ich nie im Leben vergessen. Auch gerade, weil wir danach auf der Ladefläche eines Transporters zurück in die Stadt fuhren, da zu später Nachtstunde weit und breit kein anderes Transportmittel verfügbar war.
Sempre dà um jeito – Es gibt immer einen Ausweg!
Erfahrene Fahrtensegler sagen, dass eine längere Seereise einen Menschen verändert, so er sich darauf einlässt. Der Fokus verschiebt sich von den Dingen, die wir bis dahin für wichtig hielten, zu den Dingen, die für die Auseinandersetzung mit dem Meer wichtig sind.
Man kann sein gewohntes Leben praktisch von aussen sehen und Prioritäten neu setzen. Es war für mich von vornherein klar, dass dieser Törn auf jeden Fall eine Entscheidung bringen würde: nie wieder oder süchtig danach. Der Ausgang ist leicht zu erraten: süchtig und ab dem Tag meiner Heimreise auf Entzug...
Heiko_Geisler@web.de, Rio de Janeiro, 10. September 2003

Eine faszinierende Bekanntschaft – Dr. Alberto Stoeckicht

Durch Vermittlung meines alten Freundes Günter D. Haase, mit dem ich 1995 mit einem Geländefahrzeug während sechs Wochen die ehemaligen Staaten der Sowjetunion bis zur chinesischen Grenze bereist habe, lerne ich Dr. Alberto Stoeckicht kennen.
Eines Morgens um 8 Uhr steht er an der Gangway der Double Magic und ruft meinen Namen. Ich weiss sofort, wer er ist, denn wir haben vor diesem Treffen einige E-Mails miteinander ausgetauscht. Herr Stoeckicht ist ein auf Anhieb sympathischer, quirliger Mann in den Siebzigern.
Er mustert mich neugierig und mit einem schelmischen Gesichtsausdruck durch seine grossen Brillengläser. Wir mögen uns sofort. Es ist Freitagmorgen und spontan schlägt mir Herr Stoeckicht vor, gemeinsam mit ihm das Wochenende auf seinem Anwesen in Nogueira zu verbringen, etwa 90 Kilometer nördlich von Rio.
 
105639/19Alberto.jpg   Dr. Alberto Stoeckicht
 

Ein Mann mit Einfluss

Um 12 Uhr treffen wir uns in der Lobby des Geschäftshauses nahe der Marina de Gloria, wo sich das Büro von Herrn Stoeckicht befindet. Trotz seinen 75 Jahren ist er immer noch als Berater grosser Firmen aktiv.
Denn aufgrund seiner langjährigen Tätigkeit als Präsident von Sulzer Brasilien und seiner übrigen Ämter verfügt er über hervorragende Kontakte und das entsprechende Knowhow für die Beratung bei Joint-Ventures, Fusionen und Firmenkäufen.
Neben seiner beruflichen Tätigkeit für Sulzer war Dr. Stoeckicht Präsident der schweizerischen Handelskammer in Rio, die wegen seiner italienischen Staatsangehörigkeit ihre Statuten ändern musste, um ihn zum Präsidenten wählen zu können. Nach seiner Pensionierung wurde Dr. Stoeckicht Präsident des Beirates von Sulzer Brasilien und anschliessend Verwaltungsrat.
Er ist zudem als Absolvent des Harvard Executive Programs seit 20 Jahren Direktor des Harvard Business School Clubs von Rio und Mitglied der brasilianischen Nuklearkommission. Der Mann scheint sehr begehrt zu sein, auch nach seiner Pensionierung.

Eine steile Karriere

Dr. Stoeckicht hat seine Doktorarbeit an der ETH über Düsentriebwerke 1951 geschrieben und dafür die Auszeichnung "Magna Cum Laude" (mit höchster Auszeichnung) erhalten. Der Unternehmungsbereich "Thermische Turbomaschinen" war damals für die Firma Sulzer noch relativ neu.
Dementsprechend war der junge Dr. Stoeckicht im Forschungs- und Entwicklungsteam von Sulzer sehr willkommen. Nach sieben Jahren in dieser Tätigkeit wurde Herr Stoeckicht nach Südostasien geschickt, um den Markt für die Produkte von Sulzer zu beleben und den Verkauf in acht Ländern Südostasiens neu zu organisieren. Zu diesem Zweck wurde 1962 in Singapur das Zentralbüro Sulzer für Südostasien eröffnet.
Im Jahr 1966 wurde Herr Stoeckicht von Sulzer gebeten, als Präsident von Sulzer Brasilien den Markt in diesem Land weiter auszubauen.
Die Firma zählte damals 200 Mitarbeiter. In den folgenden Jahren bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1985 baute Herr Stoeckicht das Geschäft kräftig aus und steigerte die Mitarbeiterzahl auf 1200.
Sulzer verfügt in Rio de Janeiro und in Sao Paulo über eigene Produktionsstätten für Kältekompressoren, Klima-Anlagen, Komponenten für die Uranaufbereitung und Pumpen. Ein besonders schöner Auftrag war der Bau der neuen Bahn auf den Corcovado mit seiner Christus-Statue, neben dem Zuckerhut das bekannteste Wahrzeichen von Rio.

Eine interessante Familie

Die deutschen Grosseltern von Dr. Stoeckicht sind am Ende des vorletzten Jhs. nach Italien ausgewandert. Als Italiener ist Stoeckicht in Neapel aufgewachsen. Dort traf er auch seine Lebensgefährtin Gulia, mit der er seit 47 Jahren verheiratet ist.
Sie stammt aus dem adeligen Geschlecht der Colonna, die zusammen mit der verfeindeten Orsini-Familie die sogenannte "katholische schwarze Aristokratie" beim Vatikan dominierte und im 14. und 15. Jh. eine Reihe von Päpsten gestellt hat.
Die Stoeckichts haben drei Kinder grossgezogen. Riccardo, MBA der Northeastern University, Promoter lateinamerikanischer Kunst in den USA, Ingrid, dipl. Psychologin und als Unternehmungsberaterin in Rio tätig, und Piera, Architektin.

Das Sitio der Familie Stoeckicht

Die Anfahrt nach Nogueira, wo sich das Anwesen der Familie Stoeckicht befindet, ist eine der grossen landschaftlichen Attraktionen des Bundesstaates Rio de Janeiro. Die Strasse schlängelt sich vom Flachland an den steilen Bergwänden empor und überwindet auf kühnen Betonbrücken grüne Täler.
Die Strasse wurde Anfang des 19. Jhs. von Kaiser Pedro I. bzw. von seinen Sklaven gebaut. Unterwegs sind noch die Reste der alten Strasse zu sehen, einer gefährlichen, gepflasterten Strecke, die früher die Strassenarbeiter des Kaisers ganzjährig mit Reparaturen beschäftigte.
Gegen 14 Uhr treffen wir auf dem Anwesen der Familie Stoeckicht ein. Es liegt in erhöhter Lage über dem idyllisch gelegenen Dorf Nogueira, das sich in einer Talsenke am Ufer des Flusses Biabanha ausbreitet. Wir werden von den Bediensteten freundlich begrüsst, Nelson, dessen Frau Nair und der jungen Haushalthilfe Alessandra.
Wir setzten uns zu Tisch und Nair und Alessandra servieren uns ein typisch brasilianisches Essen, nämlich Fejojada, das brasilianische Nationalgericht, einen Eintopf aus schwarzen Bohnen und kleinen Stücken von Trockenfleisch, früher typische Sklavenkost, sowie Erdbeeren mit Schlagrahm, Mini-Banane, Papayas und Mangos und ein Cafezinho zum Abschluss.
Das Anwesen der Stoeckichts, portugiesisch "Sitio" genannt, umfasst 9000 Quadratmeter und mehrere Gebäude. Nebst dem Hauptgebäude mit den Schlaf-, Wohn- und Essräumlichkeiten für das Ehepaar Stoeckicht gibt es ein zweistöckiges komfortables Gästehaus, in dem ich zwei Nächte verbringe, ein Wohnhaus für Nelson und Nair sowie Pferdestallungen, die vom Vorbesitzer für die Haltung seiner Pferde genutzt wurden und nun leer stehen.
 
105643/19Sitio.jpg   Das Sitio der Familie Stoeckicht
 
Die Pflanzenvielfalt auf diesem Anwesen ist beeindruckend. Ich wähne mich im Urwald. Dieser Eindruck wird verstärkt durch eine Vielzahl von Kolibris, die sich an Gefässen mit Zuckerwasser laben und die fröhliche Atmosphäre des Hauses unterstreichen.
Sie sind die Lieblinge von Alberto Stoekicht und er freut sich stets auf ihre täglichen Besuche. Zwei grosse Schäferhunde sorgen für Sicherheit und etwa 20 Hühner mit Hahn, artgerecht in einem Hühnerhof gehalten, für Nachschub an frischen Eiern.
Ein halbes Dutzend Vogelkäfige mit Wellensittichen, einem Papagei und allerlei andern tropischen Vögeln hängt an den Aussenwänden des Wohnhauses von Nelson und Nair.
Die beiden sorgen seit 26 Jahren für das Anwesen und dessen Besitzerfamilie, Nair als Köchin und Haushälterin, Nelson als Gärtner und Handwerker für alles, was Unterhalt und Pflege verlangt und Alessandra seit einigen Jahren als Hilfe für Nair. Der riesige Garten mit dem alten Baumbestand wirkt überaus gepflegt, Nelson dürfte kaum je einen freien Tag haben.
 
105603/19Haushalt.jpg   Das Haushaltehepaar Nelson und Nair
 
Nach dem Mittagessen fahren wir nach Nogueira hinunter, wo Herr Stoeckicht einige Besorgungen erledigt. Auf dem Dorfplatz spielen Männer an Steintischen unter schattigen Bäumen Karten, andere stehen in Gruppen zusammen und diskutieren, Katzen streunen träge umher, Hunde dösen im Schatten, Kinder spielen Fangis, Ladenbesitzer grüssen den Doutor Stoeckicht freundlich, offenbar hier eine bekannte und respektierte Person. Ein Bild des Friedens und der Harmonie, wie ich es auf meinen Reisen oft begegnet bin.

Kamingespräche

Zum Nachtessen hat Alberto – wir nennen uns inzwischen beim Vornamen - zwei Damen in den Siebzigern eingeladen, deren Familien er seit 30 Jahren kennt. Es sind Claude, Französin, und Stephanie, Amerikanerin.
Beide waren mit wohlhabenden Männern verheiratet und müssen nun leider ihren Lebensabend als Witwe verbringen, allerdings umsorgt von ihren Kindern und zahlreichen Enkelkindern.
Stephanie war im Foreign Service der amerikanischen Regierung tätig und so wird der interessante Abend ausgefüllt mit Gesprächen über die amerikanische Aussenpolitik, den politischen Naivling und Lausbuben George W. Bush, Sinn und Unsinn der Entwicklungshilfe, die riesigen Unterschiede zwischen arm und reich in Brasilien und anderes mehr.
Das grosse Cheminée, das Feuer liebevoll von den Bediensteten gehätschelt, bringt wohltuende Wärme, denn hier oben in den Bergen auf 750 Metern Höhe ist es empfindlich kalt. Mit einem Nightcup beschliessen wir diesen anregenden und interessanten Abend. Er hat mir viele neue Einsichten in dieses faszinierende Lande gebracht und Vorurteile korrigiert.

Petropolis, die Kaiserstadt

Am Samstagmorgen besuchen wir die in der Nähe gelegene Stadt Petropolis. So sehr die Einwohner Rios ihre Strände auch lieben, gelegentlich ziehen sie zur Erholung eine klimatische Veränderung vor und begeben sich in die kühlen, erfrischenden Berge. Dieses Bedürfnis bestand schon in den ersten Tagen Brasiliens und war der Hauptgrund für die Gründung der Städte Petropolis und Teresopolis.
Die 90 km von Rio entfernte Stadt Petropolis mit 270.000 Einwohnern ist ein Denkmal für Pedro II., von 1840 bis zu seinem Abgang ins europäische Exil im Jahre 1889 Kaiser von Brasilien als Nachfolger seines Vaters Pedro I., der die Unabhängigkeit von Portugal erklärt hatte.
Baubeginn für die Stadt Petropolis (= Peters Stadt) und den kaiserlichen Sommerpalast war 1840, nachdem der Vater von Pedro II. bereits 1830 das für Stadt und Sommerpalast benötigte Land gekauft hatte. Dom Pedro II. wollte hier ein kühles Refugium als Ausgleich zur sengenden Hitze Rios und dem schwül-heissen Klima in der Guanabara-Bucht schaffen.
Der roséfarbene Palast beherbergt heute das Museu Imperial. Für eine Kaiserresidenz wirkt der Bau geradezu bescheiden. Die schlichten Möbel des Museums sind Beweis für den eher bürgerlichen Charakter und Geschmack seines Erbauers Dom Pedro II.
Die im zweiten Stock untergebrachte Sammlung persönlicher Gegenstände, wie Teleskop und Telefon, veranschaulichen Dom Pedros wissenschaftlichen Neugier und sein Interesse an technischen Neuerungen. Interessant sind auch die Kaiserkrone, ein glitzerndes Gebilde mit 77 Perlen und 639 Diamanten und die farbenprächtigen Umhänge aus der zeremoniellen Garderobe des Kaisers.
Die Fotografien im zweiten Stock zeigen allerdings, dass sich Brasiliens zweiter und letzter Kaiser offensichtlich in simplen Strassenanzügen wohler fühlte als in wallenden Repräsentationsgewändern.

Exkurs: Kaiser Dom Pedro II

Im Jahre 1808 floh der portugiesische König Joao VI. mit seinem 15000 (!) Personen umfassenden Hofstaat vor Napoleon nach Brasilien, wo er zahlreiche Schulen und Universitäten gründete.
Rio de Janeiro wurde Hauptstadt des Königreichs Portugal, zu dem auch Brasilien gehörte. Nach der Niederlage Napoleons bei Waterloo wurde Brasilien auf dem Wiener Kongress von 1815 der Status eines unabhängigen Königsreichs zuerkannt.
1821, einige Jahre, nachdem die Federn von Napoleon kräftig gestutzt worden waren, und er in St. Helena reichlich Zeit fand, über seine Zukunft nachzudenken, kehrte Joao VI. nach Lissabon zurück, wo er seinen Sohn Dom Pedro zum Regenten von Brasilien ernannte. 1822 wollte jedoch der portugiesische Cortes Brasilien zur Kolonie zurückstufen, d.h. dessen am Wiener Kongress gewonnene Unabhängigkeit rückgängig machen.
Offenbar gab es da noch einiges zu plündern, was bisher übersehen wurde! Als Antwort auf diesen Rückfall Portugals in den Kolonialismus begründete der Regent Dom Pedro mit dem Ausruf "Independencia ou morte!" ("Unabhängigkeit oder Tod") Brasiliens Unabhängigkeit. Er wird als Pedro I. zum Kaiser gekrönt, Rio de Janeiro wurde Hauptstadt des unabhängigen Brasilien.
In den Folgejahren tobten zahlreiche blutige Volksaufstände gegen die Unterdrückung durch die Zentralregierung. Man verlangte einen neuen Kaiser. Um die nationale Einheit Brasiliens zu bewahren, wurde Pedro d’Alcantara, der Sohn von Kaiser Pedro I., im jugendlichen Alter von 15 Jahren zum Kaiser Dom Pedro II. gekrönt. Er regierte von 1840 bis 1889, also fast ein halbes Jahrhundert.
Was machte die grosse Persönlichkeit Dom Pedros II. aus und was sind seine Verdienste?
Dank seines grossen diplomatischen Geschicks erlebte Brasilien in der Zeit seiner rund 50jährigen Regentschaft eine lange Phase politischer Stabilität. Er strahlte eine ungeheure Autorität aus. Seine Lebensführung war schlicht. Die Wertschätzung des Volkes erlaubte es ihm, regionale Unruhen zu beenden und die Macht der Zentralregierung im ganzen Land wieder herzustellen.
Er war ein gebildeter Mann und unternahm mehrere Reisen nach Europa, wo er in Bayreuth Wagners "Parsifal" erlebte und in Mykene die Ausgrabungen Schliemanns besuchte. Während es Pedro II. gelang, den inneren Frieden wieder herzustellen, führte seine südamerikanische Hegemonialpolitik zu mehreren Kriegen mit Uruguay, Argentinien und Paraguay. Insgesamt fünf Waffengänge schwächten Brasilien und Dom Pedro benötigte fortan die Unterstützung und das Wohlwollen der Generalität, seine Popularität beim Volk blieb aber ungebrochen.
Ausgerechnet seine historisch bedeutendste Leistung, die Sklavenbefreiung im Jahre 1888, kostete Dom Pedro II. den Thron. Brasilien war in der 2. Hälfte des 19. Jhs. noch immer vorwiegend ein Agrarstaat. Sklaven waren vor allem für den Nordosten noch von elementarer Bedeutung und bis 1853 legten Sklavenschiffe aus Westafrika in Brasilien an.
Die Bewegung zur Sklavenbefreiung wurde ab 1860 immer stärker und 1888 verbot Dom Pedro II. die Sklaverei in Brasilien, als letzter Staat. Diese Entscheidung brachte die Grossgrundbesitzer gegen den Kaiser auf. Sie sahen, wie auch die Militärs, ihre Interessen in der Regierung nicht ausreichend vertreten. 1889 wurde Pedro II., der beliebteste Politiker, den Brasilien je hervorgebracht hat, in einem unblutigen Staatsstreich entmachtet und ins Exil nach Frankreich gezwungen.
Im Alter von 66 Jahren starb er in Paris, wo er mit königlichen Ehren bestattet wurde. Am Sonntagmorgen, dem dritten Tag meines Aufenthalts auf dem Anwesen der Familie Stoeckicht, findet der Grand Prix von Monza statt. Als Italiener will Alberto das Rennen natürlich nicht verpassen, während ich die Eindrücke der letzten Tage für die Website festhalte.
Auf der Rückfahrt nach Rio erzählt Alberto – ein begnadeter Erzähler – ein paar berichtenswerte Geschichten aus dem ganz gewöhnlichen brasilianischen Alltag.

Strassensperrung für Gangster

Die Schnellverkehrsstrasse nach Petropolis wird gelegentlich gesperrt, weil stundenlange Feuergefechte zwischen bewaffneten Banden und der Polizei auf der Strasse ausgetragen werden. Dann heisst es, sich in Geduld üben. Bei schlechtem Wetter allerdings muss nicht mit Behinderungen gerechnet werden, denn bei Regen bleiben auch die Gangster lieber zu Hause.

Korruption in Amtsstuben

Oder die hohen Steuerbeamten, die vor einiger Zeit einer ganzen Reihe von Grossunternehmen angeboten haben, gegen Zahlung von 10 Prozent der aufgrund von Buchprüfungen verhängten Nach- und Strafsteuern auf ihre Privatkonten in der Schweiz die Anklage wegen Steuerhinterziehung fallen zu lassen.
Immerhin kam auf diese Weise die hübsche Summe von 40 Millionen Dollar zusammen, die nun von den betroffenen Schweizer Banken aufgrund eines Rechtshilfegesuchs von Brasilien rückerstattet werden. Da frage ich mich schon, was denn die ganzen Geldwäschereivorschriften nützen, wenn solche kriminellen Aktivitäten noch möglich sind...
Im übrigen war es der Nestlé-Konzern, der sich geweigert hatte, Bestechungsgelder zu zahlen und die betrügerischen Beamten bei den Strafverfolgungsbehörden anzeigte.

Bestechliche Schweizer Kadermitarbeiter

Oder die beiden leitenden Mitarbeiter eines Schweizer Konzerns – beides Schweizer Kadermitarbeiter, die bekanntlich im allgemeinen eher als unbestechlich gelten – die von einem Tag auf den andern gefeuert wurden.
Sie hatten mit Einkäufern ihrer Kunden Überfakturierungen vereinbart und den zuviel fakturierten Betrag mit der andern Seite hälftig geteilt, klassische Kickbacks.

Mit Geduld zum Milliardär

Oder der chinesische Millionär Horace Oei, der in den sechziger Jahren das gesamte verfügbare Land auf einem Küstenstreifen von 15 Kilometern Länge an der südlichen Stadtgrenze von Rio de Janeiro aufkaufte, jahrzehntelang keinen Quadratmeter verkaufte und nun Milliardär ist.
Weil auf seinen Grundstücken in der Zwischenzeit eine Satellitenstadt von Rio entstanden ist mit einem Dutzend Shopping Centers, hunderten von Wohnblöcken, Geschäftshäusern und allem andern, was zu einer Stadt gehört. Geduld bringt Rosen und in diesem Fall Geld. Viel Geld, mehr, als man mitnehmen kann.

Den Vizepräsidenten zum Freund

Oder der Textilunternehmer José Alencar Gomes da Silva, dem Alberto Tausende von Sulzer Webmaschinen verkauft hat und der nun Vizepräsident von Brasilien und ein enger Freund der Familie Stoeckicht ist.
 
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